Leitbild und Schulentwicklung am EWG: Rückblick und Ausblick

* Was haben wir bis heute erreicht?
* Was nehmen wir uns für die Zukunft vor?
* Und wovon lassen wir uns dabei leiten?


Die Entwicklung eines Schulprogramms fand am EWG im Zusammenhang mit einem Neuanfang statt, dem Wechsel vom 7-stufigen Aufbaugymnasium zum 9-stufigen Gymnasium, lange bevor der Schulprogramm-Auftrag per Schulgesetz an alle Hamburger Schulen erging (1997). Aus diesem Grund ist das EWG- Schulprogramm nicht als ein Stück Papier geendet, das man der Schulaufsicht auftragsgemäß abgegeben hatte, sondern es ist in der täglichen Schulpraxis lebendig geworden.
Kernpunkte dieses Schulprogramms waren und sind das ‚Haus des Lernens’, die Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen als übergreifende Zielsetzung des pädagogischen Wollens und Handelns sowie die Schwerpunkte ‚Szenisches Lernen’, Soziales Lernen und ‚Natur’. Das alles ist nachzulesen, z.B. auf unserer Homepage, und Sie dürfen uns, liebe Leserinnen und Leser, auf das, was Sie in unserem Schulprogramm finden, durchaus ‚festnageln’. Allerdings befindet sich der Schulprogramm-Text faktisch auf dem Stand von 2002 und es wird Zeit, die Entwicklungen der vergangenen Jahre zu dokumentieren. Wir werden das in diesem Schuljahr 2009/2010 tun. Eine Skizze der Schulentwicklung am EWG soll an dieser Stelle erfolgen. Die Stichworte der letzten 6 Jahre lauten:

*Kooperative Lernformen und Selbständigkeit
(Ausbildung im Regionalprojekt „Schulentwicklung im System“)
* Doppelstunden und epochale Strukturen (Prinzip: wenige Fächer pro Tag, um die Konzentration und Intensität des Lernens zu befördern. Bestimmte 2-Stunden-Fächer werden gezielt vierstündig in einem Halbjahr unterrichtet.)
* Teamentwicklung (Lehrer kooperieren in Teams, vor allem in Jahrgangsfachteams: Stoffreduzierung, Fokus auf Methoden und Kompetenzen)
* Peer Review (Das eigene Tun von einem ‚kritischen Freund’ wahrnehmen und spiegeln lassen – in diesem Fall vom Gymnasium Unterstrass, unserer Partnerschule in Zürich)
* Projekte: z.B. Lernstand 5 und 6 (Entwicklungen beschreiben statt mit Noten abspeisen: Rückmeldung in Lernstandsgesprächen mit Schülern und Eltern, Lernvereinbarungen), z.B. die „Kultur.Forscher“ (siehe Homepage!), z.B. ‚Rattenscharfes Denken’ (Zehntklässler unterrichten Fünftklässler einen ganzen Schultag; Auftrag: Philosophische Grundfragen entwickeln und per Luftballon-Post in die Welt schicken).




Was leitet uns bei diesen einzelnen Schritten? Was hält sie zusammen?
Wer in den vergangenen 20 Jahren den Unterrichtstag eines Schülers von der ersten bis zur letzten Stunde an einer beliebigen deutschen Schule „erlebt“ hat – der hat gewöhnlich so reagiert: „Mir schwirrt der Kopf, wir halten die das nur aus? Das geht doch zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus?“ Ja, das geht es wohl zumeist. Und die irritierte Frage des Lehrers: „Meine Güte, warum könnt ihr das nicht, das haben wir doch alles längst durchgenommen!?“, die werden Sie vermutlich alle in ihrem Schulleben mehrfach gehört haben. Und wer gefragt wird, was er von seiner Schulzeit noch erinnert, der erinnert sich an die Mitschüler, an die Klassenreise, an den besonders skurrilen Lehrer oder auch den sehr kompetenten und geschätzten, der gut erzählen konnte („Bei dem haben wir viel gelernt.“). Von dem aber, was da „durchgenommen“ wurde, weiß der Gefragte meist nur Rudimentäres. Ganze Talk-Shows arbeiten mit diesem Topos von der nutzlosen Schule, die ihre Schüler womöglich überwiegend nur ‚gequält’ hat.
Insoweit ist auch die ‚Einsicht’, dass die alte Schule mit dem dauernden Frontalunterricht nicht besonders effektiv war, weder besonders neu noch besonders originell. Dennoch wurde Jahrzehnte im Kern weitergemacht wie ehedem - bis in unsere Tage. Die Zahl der Schüler, die ganz gut lernen, auch wenn sie überwiegend zum Zuhören verdammt sind, ist nicht besonders groß, aber einzelne können das sogar ganz gut und im Übrigen gibt es Lehrer, die durchaus sehr lebendige und brillante Vorträge halten können, davon nimmt man dann tatsächlich etwas ‚mit’.

Was aber beweist das? Und was beweist es nicht?
Schule darf nicht vom Frontalunterricht geprägt sein, auch wenn sie mal gezielt einen exzellenten Vortrag braucht. Die Rede von der ‚Überwindung des Frontalunterrichts’ ist nicht nur eine modische Attitüde, sondern ein programmatisches Muss. Genauer gesagt, die Überwindung des Unterrichts, in dem alle zur gleichen Zeit das Gleiche machen. Warum das?
Weil Lernen die eigene Konstruktion eines Zusammenhangs ist – und nicht der Nachvollzug dessen, was einer ‚vorbetet’. Weil Lernen in einem System stattfindet, das es wahr zu nehmen und zu gestalten gilt. Weil die ‚Lernkanäle’ der Individuen höchst verschieden sind und darum verschiedene Zugänge zum Lernen gefunden werden müssen. Weil Lernen im Kern den Erwerb von Kompetenzen beinhaltet und nicht das (schnelle) Durchnehmen von Stoff. Insofern ist auch die Rede vom individualisierten und kompetenzorientierten Unterricht kein modisches Gerede, sondern Auftrag und Programm für das vor uns liegende Jahrzehnt (erst einmal). Und insofern lautet eine etwas provokant zugespitzte These: Weg vom Unterricht – hin zum Lernen!

Was haben wir am EWG in den letzten Jahren getan?
Wir sind „Regionalprojekt-Schule“ geworden - eine von 54 in Hamburg - und das heißt, wir haben uns in einer dreijährigen Ausbildung in ‚Didaktischen Trainings’ mit professioneller Unterstützung durch einen Schulbegleiter und zwei Trainer sehr praktisch mit der Frage befasst, wie wir unsere Schüler auf dem Weg zu mehr Selbständigkeit wirksam unterstützen und ausbilden können. Zentrale Stichworte sind: die Erhöhung der Eigentätigkeit der Schüler, die systematische Praxis kooperativer Lernformen wie die Präsentation der Arbeitsergebnisse im Plenum. Das hat den Unterricht am EWG spürbar verändert und wir gehen auf diesem Weg weiter.
Unsere Schüler werden bei solcher Art des Lernens, so unsere Beobachtung, stärker, kreativer, kritischer, sie arbeiten viel im Team und sie erfahren dennoch auch, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen und: Sie lernen nachhaltiger.
Die Ergebnisse in allen Testungen bestärken uns, wir erreichen fast ausnahmslos die geforderten Standards und liegen sehr oft über dem gymnasialen Durchschnitt. Wir freuen uns besonders, wenn wir schon heute feststellen können, dass unsere Schüler sich als sehr erfolgreich erweisen in Assessments und Bewerbungsverfahren aller Art, weil sie selbstbewusst als Individuen agieren, aber auch sich im Team zurücknehmen und anderen zuhören können, weil sie viel wissen, aber vor allem wissen, wie man sich das Nötige schnell aneignet. Hier spielt sicher auch das Szenische eine wichtige Rolle.

Wir halten daher viel von Schüsselkompetenzen wie sie z.B. in der OECD-Studie zu finden sind. Unter der Fragestellung „Welche Kompetenzen benötigen wir für ein erfolgreiches Leben und eine gut funktionierende Gesellschaft?“ werden drei zentrale Kategorien entwickelt: Interaktive Anwendung von Medien und Mitteln (z.B. Sprache, Technologien), Interagieren in heterogenen Gruppen, autonome Handlungsfähigkeit.
„Die Notwendigkeit des reflexiven Denkens und Handelns stellt ein zentrales Element dieses … Referenzrahmens dar. Reflexivität beinhaltet nicht nur die Fähigkeit, im Umgang mit einer bestimmten Situation routinemäßig nach einer Formel oder Methode zu verfahren, sondern auch mit Veränderungen umzugehen, aus Erfahrungen zu lernen und kritisch zu denken und zu handeln.“ (OECD)

Unsere Kinder stehen vor Herausforderungen, die ein ganzes Bündel an Fähigkeiten erfordern, die sowohl für ihren individuellen Erfolg wie den Erfolg der Gesellschaft elementar sind, sie müssen nicht in erster Linie noch eine weitere Sprache über Jahre mühsam in der Schule lernen (das kann im Zweifel viel effektiver in einem gut organisierten Auslandsaufenthalt geschehen), denn über Schulwissen und kognitive Fähigkeiten weisen die in der Zukunft immer dringender werdenden Fähigkeiten weit hinaus. Wir wollen gern unseren Beitrag leisten, unsere Schüler vorzubereiten und auf diesem Weg zu unterstützen.

W. Rangnick (im Dezember 2009)