Hamburg – Chicago ein Kulturaustausch
Dank der Bemühungen des Hamburg–Chicago–Komitees und der guten Beziehungen zum Helene–Lange–Gymnasium und dort speziell zu Frau Klausen, wurde dem Emilie–Wüstenfeld–Gymnasium im Winter 2006 angeboten, einen Schülerausch mit Chicago zu beginnen. Nach einem ersten Besuch zweier Kollegen aus der amerikanischen Schule in Hamburg fuhren fürs Emilie–Wüstenfels–Gymnasium Frau Dietz als Fachvertreterin Englisch und Frau Dege als Abgesandte der Schulleitung nach Chicago, um den Austausch vorzubereiten. Saint Rita of Cascia High School (Jahrgang 1905) und Chicago waren unser Reiseziel.
Kontrolle oder Vertrauen? Fremdes und Vertrautes!
Als die amerikanischen Kollegen bei uns in der Schule waren, waren sie zunächst entsetzt über die geringe Kontrolle, die wir ausüben. überall rennen Schüler in den Gängen herum, alle Türen stehen offen. Auch Gäste aus Amerika können überall ein– und ausgehen, ohne je befragt zu werden, wer sie denn seien. Gegen Ende der Woche äußerte dann die Kollegin Robyn Kurnat sehr erstaunt, dass unsere Schüler mit ihrer Freiheit erstaunlich gut umgehen könnten. Die Kollegen waren erstaun über die kooperativen Arbeitsformen und die Selbstständigkeit der Schüler, sowohl in der Schule, als auch in ihrem privaten Leben. Wir nahmen diese Beobachtung mit und waren gespannt, wie Disziplin, Anwesenheit und Arbeitsverhalten und dergleichen in der amerikanischen Partnerschule wohl geregelt wären.
Kulturaustausch?
Ja, man muss sich wundern, so wurde dieser Austausch genannt. Eigentlich war das Etikett nur dazu gedacht zu zeigen, dass es sich nicht um einen Sprachenaustausch handelt, denn die amerikanischen Schüler lernen kein Deutsch. Bei genauerem Hinsehen ist es aber doch ein Austausch sehr unterschiedlicher Kulturen, sowohl in den beiden Ländern, als auch in den Schulkulturen.
Schon bei der Einreise wird den deutschen Besucherinnen klar, hier herrscht ein anderer Stil und Tonfall. Auch in Hamburg und Frankfurt waren wir kontrolliert worden, aber doch mit großer Gelassenheit, gewissermaßen mit einem etwas ironischen Lächeln im Augenwinkel. Die amerikanischen Grenzkontrollen kennen keinerlei Selbstironiehier herrscht ein fast verbissener Ernst. Die Verletzungen durch den 11.September 2001 sind groß und haben das Kontrollbedürfnis erhöht.
Auf den ersten Blick ähnelt Chicago Hamburg: Eine Grosstadt am Wasser. Aber dann sieht man schnell die Unterschiede. Wolkenkratzer und Highways beherrschen den ersten Eindruck. Entlang der wunderbaren Küste liegt eine sechsspurige Autobahn. Ein Jammer. Später haben wir dann entdeckt, dass es auch sehr schöne Winkel in der Stadt und am Wasser gibt, aber man muss sie suchen. Zu Fuß bewegt man sich einfach nicht fort in diesem Land. Schon deshalb, weil einige Stadtviertel wohl zu unsicher sind. Also fährt man mit riesigen Spritfressern durch die Gegend und bestaunt die Landschaft durchs Autofenster.Privat wurden wir sehr herzlich aufgenommen und wir verbrachten wunderbare Tage mit unseren Gastgebern.
Die Schule
Wie würde es in der Schule sein? Die Schule selbst unterschiedet sich insofern sehr, als es eine katholische Jungen High School und eine Privatschule ist. Das heißt schon mal, es gibt nur Jungen und nur die Jahrgänge neun bis zwölf. Alle tragen eine Schuluniform, die aus hellen Hosen und roten oder blauen Poloshirts besteht. Keine (!!) Turnschuhe, sondern Lederschuhe sind gefordert und Gürtel sollen gewährleisten, dass die Hosen nicht in den Kniekehlen hängen und die Hemden brav verstaut sind. Die Haare sollen nicht lang sein und Bärte aller Art sind verboten. Alle Schüler müssen ständig eine Art Personalausweis mit Photo tragen, damit jeder Fremde im Gebäude sofort identifiziert werden kann. Das klingt so, als werde die Individualität doch stark beschnitten. Bei genauerem Hinsehen gibt es dann aber doch eine breite Variation von unterschiedlich langen Frisuren, so manche Hose ist unten ausgefranst und so manches Hemd hängt lässig aus der Hose und die Hose gefährlich tief auf den Hüften. Regeln sind da, um sie großzügig auszulegen. Hier gibt es ein Regelbuch, das gleichzeitig ein Jahreskalender für die Schüler ist, der alle gemeinsamen Regeln sowie Termine und dergleichen mehr enthält. Das Buch ist für Eltern und Schüler gedacht. Die durchgängige Auffassung ist es, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder sehr ernst nehmen und mit der Schule hier an einem Strang ziehen.
Da die "Kleinen" hier fehlen, ist es insgesamt etwas ruhiger im Gebäude als bei uns. Das ist sicher auch der Kontrolle geschuldet, die währen der Stunden besteht. Während des Unterrichts darf sich kein Schüler im Gebäude bewegen, der nicht eine schriftliche Erlaubnis mit sich führt. Auf der anderen Seite stehen alle Klassenraumtüren offen, so dass man die Geräusche aus den Räumen hört. ies überrascht umso mehr, als die Türen alle mit einer Glasscheibe ausgestattet sind, so dass man auch so sehen könnte, was im Klassenraum passiert.
Ausstattung: Beneidenswert
Das Schulgebäude bildet einen Komplex mit einem Klostergebäude und einer ziemlich großen Kirche, die stolz ist, dass Papst Johannes Paul II ihr einen Besuch abgestattet hat. Einige der Mönche sind auch Lehrer an der Schule und der Schulleiter –Father Tom – ist Priester.Die Schule selbst ist relativ neu, sehr gepflegt, weitläufig, lichtdurchflutet, mit schönen Gartenanlagen im Innengelände – die aber nicht zugänglich für die Schüler und Lehrer sind. Während des Unterrichts sah ich einen der Hausmeister mit Schaufel und Besen durch die Gänge gehen, so dass alles, was herumflog, sofort beseitig wurde. Es herrscht Ordnung und Sauberkeit. An einigen Ecken stehen Sitzgruppen, damit die Schüler es sich auch mal bequem machen können. Um das Gelände herum liegen die großzügigen Sportanlagen und ein riesiger Parkplatz für die Schüler, die selbst mit dem Wagen kommen. Hier darf man zwar ab sechzehn Autofahren aber nicht rauchen und trinken.
Die Lehrer haben ihren eigenen Unterrichtsraum, in den die Schüler kommen. Das hat uns Lehrerinnen sehr gut gefallen. Man kann sich einen Fachraum einrichten, mit fachspezifischen Ausschmückungen – wie Plakaten – aber auch mit Büchern, Nachschlagewerken und dergleichen. Man hat einen Arbeitsraum in den Freistunden, kann in Ruhe dort arbeiten und Unterricht vorbereiten. Jeder Raum hat seinen eigenen Computer mit Internetzugang. Es gab natürlich Overheadprojektoren, Fernseh– und Video, DVD–Player und Beamer in jedem Raum, um alle technischen Möglichkeiten zu nutzen.
Die Anwesenheit der Schüler wird in den Computer eingegeben. Alle Klassenlisten, Notenlisten, der gesamte Papierkram wird hier zentral abgelegt, so dass der einzelne Lehrer sich viel Arbeit spart. Wenn ein Schüler fehlt, ohne krank gemeldet zu sein, wird sofort das Sekretariat aktiv und ruft bei den Eltern an und hakt nach. Der Lehrer macht "nur" Unterricht. Wenn ein Schüler undiszipliniert ist oder wenn es ihm nicht gut geht, schickt man ihn weiter und muss sich nicht selbst kümmern. Das hat auch seinen Reiz.
Die Ausstattung mit Fachräumen ist dort eindruckvoll. Es gibt hunderte von Computern, die auf dem neuesten Stand sind. Dies ist das Werk der ehemaligen Schüler, die ihrer Schule mit Spenden unterstützen. Da die Schule schon über 100 Jahre alt ist, gibt es genügend Ehemalige, die sich engagieren, ebenso wie die Eltern der gegenwärtigen Schüler, die Fundraising auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Die Verwaltung aller Daten wird zentral geregelt. So haben die Eltern über ein Passwort Zugang zu aller Informationen über ihre Kinder. Jede Note, jede Fehlzeit, jede nicht gemachte Hausaufgabe erscheint auf dem Computer und kann von den Eltern jederzeit abgerufen werden. Einmal mehr Kontrolle, aber eine Kontrolle, die hier manchmal ganz wünschenswert wäre. Der einzelne Kollege ist hier häufig überfordert, mit den vielen Eltern in regelmäßigem Austausch zu stehen. Dort ruht die Last auf mehreren Schultern.
Die Verantwortung für die jungen Menschen drückt sich an dieser katholischen Schule auch dadurch aus, dass es spirituelle Unterweisung gibt. Gemeinsame Gebete, sonntägliche Gottesdienste sind selbstverständlich. Dies wird zum Beispiel sichtbar im Motto der Schule: Your are lovable and capable. In sogenannten Kairos–Wochen (Kairos heißt soviel wie günstige Zeit) haben die Schüler Gelegenheit, sich mit sich selbst und ihrem spirituellen Wohlergehen zu beschäftigen. Wenn die Schule so teuer ist – ca. 7000 $ im Jahr – dann haben alle ein Anrecht auf eine gute Schule und alle fühlen sich mitverantwortlich, dass die Ziele auch erreicht werden. (Deswegen gibt es auch nie Unterrichtsausfall. Eine Vertretungsbrigade steht bereit – muss aber extra bezahlt werden.)Wenn man all diese Möglichkeiten sieht, dann ist der eigentliche Unterricht allerdings eher konventionell. Frontalunterricht mit Buch war die häufigste Unterrichtsform, die ich gesehen habe. Die Bücher allerdings waren außerordentlich gut gemacht, neuesten Datums und sehr teuer. (Die Ausgaben für Bücher liegen bei 250 $ im Schuljahr) Im Biologieunterricht wurden Schweineherzen seziert und einmal sah ich eine lebendige Debatte im "Socialstudies–Unterricht" als es um den Amoklauf eines Studenten an einem College ging. Da dachte ich dann wieder, junge Leute hier wie dort sind engagiert, emotional und meinungsfreudig. Ich bin sicher, sie werden sich mit unseren Jungs und Mädchen gut verstehen.
Freundschaften
Auch wir Lehrer haben uns sehr gut verstanden. Schließlich wollen wir alle das gleiche. Wir wollen unsere Schüler zu kompetenten Persönlichkeiten erziehen. Auch wenn unsere Wege sehr verschieden sind, ist unser Interesse an dieser Arbeit doch sehr verbindend. Auch in unseren privaten Interessen waren wir schnell bei politischen Fragen, bei Fragen des alltäglichen Lebens und der Einzelinteressen. Hier gibt es doch eine große Nähe – bei allen Unterschieden – die es uns ermöglicht, die kulturellen Schranken schnell zu überbrücken. Im nächsten Juni, wenn die Amerikaner zu uns kommen, werden wir deren Eindrücke über unser Land, unser Leben, unsere Kultur mit Interesse vernehmen. Darauf freue ich mich!
Hamburg, den 7.10.09 von Martina Dege
Die Anwesenheit der Schüler wird in den Computer eingegeben. Alle Klassenlisten, Notenlisten, der gesamte Papierkram wird hier zentral abgelegt, so dass der einzelne Lehrer sich viel Arbeit spart. Wenn ein Schüler fehlt, ohne krank gemeldet zu sein, wird sofort das Sekretariat aktiv und ruft bei den Eltern an und hakt nach. Der Lehrer macht "nur" Unterricht. Wenn ein Schüler undiszipliniert ist oder wenn es ihm nicht gut geht, schickt man ihn weiter und muss sich nicht selbst kümmern. Das hat auch seinen Reiz.
Die Ausstattung mit Fachräumen ist dort eindruckvoll. Es gibt hunderte von Computern, die auf dem neuesten Stand sind. Dies ist das Werk der ehemaligen Schüler, die ihrer Schule mit Spenden unterstützen. Da die Schule schon über 100 Jahre alt ist, gibt es genügend Ehemalige, die sich engagieren, ebenso wie die Eltern der gegenwärtigen Schüler, die Fundraising auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Die Verwaltung aller Daten wird zentral geregelt. So haben die Eltern über ein Passwort Zugang zu aller Informationen über ihre Kinder. Jede Note, jede Fehlzeit, jede nicht gemachte Hausaufgabe erscheint auf dem Computer und kann von den Eltern jederzeit abgerufen werden. Einmal mehr Kontrolle, aber eine Kontrolle, die hier manchmal ganz wünschenswert wäre. Der einzelne Kollege ist hier häufig überfordert, mit den vielen Eltern in regelmäßigem Austausch zu stehen. Dort ruht die Last auf mehreren Schultern.
Die Verantwortung für die jungen Menschen drückt sich an dieser katholischen Schule auch dadurch aus, dass es spirituelle Unterweisung gibt. Gemeinsame Gebete, sonntägliche Gottesdienste sind selbstverständlich. Dies wird zum Beispiel sichtbar im Motto der Schule: Your are lovable and capable. In sogenannten Kairos–Wochen (Kairos heißt soviel wie günstige Zeit) haben die Schüler Gelegenheit, sich mit sich selbst und ihrem spirituellen Wohlergehen zu beschäftigen. Wenn die Schule so teuer ist – ca. 7000 $ im Jahr – dann haben alle ein Anrecht auf eine gute Schule und alle fühlen sich mitverantwortlich, dass die Ziele auch erreicht werden. (Deswegen gibt es auch nie Unterrichtsausfall. Eine Vertretungsbrigade steht bereit – muss aber extra bezahlt werden.)Wenn man all diese Möglichkeiten sieht, dann ist der eigentliche Unterricht allerdings eher konventionell. Frontalunterricht mit Buch war die häufigste Unterrichtsform, die ich gesehen habe. Die Bücher allerdings waren außerordentlich gut gemacht, neuesten Datums und sehr teuer. (Die Ausgaben für Bücher liegen bei 250 $ im Schuljahr) Im Biologieunterricht wurden Schweineherzen seziert und einmal sah ich eine lebendige Debatte im "Socialstudies–Unterricht" als es um den Amoklauf eines Studenten an einem College ging. Da dachte ich dann wieder, junge Leute hier wie dort sind engagiert, emotional und meinungsfreudig. Ich bin sicher, sie werden sich mit unseren Jungs und Mädchen gut verstehen.
Freundschaften
Auch wir Lehrer haben uns sehr gut verstanden. Schließlich wollen wir alle das gleiche. Wir wollen unsere Schüler zu kompetenten Persönlichkeiten erziehen. Auch wenn unsere Wege sehr verschieden sind, ist unser Interesse an dieser Arbeit doch sehr verbindend. Auch in unseren privaten Interessen waren wir schnell bei politischen Fragen, bei Fragen des alltäglichen Lebens und der Einzelinteressen. Hier gibt es doch eine große Nähe – bei allen Unterschieden – die es uns ermöglicht, die kulturellen Schranken schnell zu überbrücken. Im nächsten Juni, wenn die Amerikaner zu uns kommen, werden wir deren Eindrücke über unser Land, unser Leben, unsere Kultur mit Interesse vernehmen. Darauf freue ich mich!
Hamburg, den 7.10.09 von Martina Dege







