Wer war Emilie Wüstenfeld?

Sie lächelt sanft aus ihrem Bild in der Eingangshalle des nach ihr benannten Emilie – Wüstenfeld – Gymnasiums, gekleidet in die konventionelle Tracht einer Bürgersfrau des 19. Jahrhunderts mit steifem Habit und Häubchen.

Auch im Hamburger Rathaus findet sich ihr Konterfei als Reliefportrait an einem Pfeiler der Eingangshalle neben Amalie Sieveking und Charlotte Paulsen – das läßt den Schluss zu, dass sie wohl eine bedeutsame Persönlichkeit war, jedenfalls für Hamburg. Wer war sie denn nun, diese Emilie Wüstenfeld, und was hat sie mit Hamburg und "ihrer" Schule, dem EWG, zu tun?

Marie Emilie Capelle wurde am 17.08.1817 in Hannover geboren. Sie war seit 1841 mit dem Kaufmann Julius Wüstenfeld aus Hamburg verheiratet und lebte infolgedessen auch hier; sie starb hier am 02.10.1874. Die 57 Jahre ihres Lebens sind weitgehend geprägt durch die traditionellen Rollen einer "höheren Tochter" im 19. Jahrhundert: recht gut gebildet, verheiratet mit einem einigermaßen begüterten Mann aus ehrbarer Familie, dem sie nach der Eheschließung selbstverständlich an dessen Wohnort folgt, eine treusorgende Ehefrau und Mutter – von drei Kindern starben zwei allerdings in jungen Jahren –, verantwortlich für gepflegte Geselligkeit im eigenen Heim und, ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechend, orientiert auf eine als selbstverständlich empfundene Pflicht zur Wohltätigkeit gegenüber den unteren Sozialschichten.

Dies alles unterscheidet sie nicht von vielen Tausenden von Frauenbiografien im 19. Jahrhundert, doch die Art und Weise, wie sie diese Rollen füllte, machen sie doch zu etwas Besonderem: Sie tat alles, was sie traditionell tun musste, mit einem solchen Engagement, eigenen Ideen und einer Beharrlichkeit, die sie vielfach als äußerst unbequem, politisch verdächtig und fast revolutionär erscheinen ließen. So geriet sie in scharfe Auseinandersetzungen mit den Hamburg geistlich beherrschenden orthodoxen Lutheranern, weil sie sich freireligiösen Vereinigungen anschloss. Sie sympathisierte mit den liberalen Vorstellungen, die in der Revolution von 1848 zum Tragen kamen, und verhalf nach deren Scheitern mehrfach von der preußischen Polizei verfolgten politischen Flüchtlingen zur sicheren Zuflucht ins benachbarte – dänische – Altona oder per Schiff nach England. Die bürgerliche Konvenienz–Ehe lehnte sie entschieden ab – obwohl sie selbst eine solche geschlossen hatte – und war mehrfach kurz davor, sich von ihrem schwächlichen Ehemann zu trennen, bis sie dessen hypochondrisch bedingte Kränklichkeit doch dazu bewog, an den heimischen Herd zurückzukehren und für ihn dazusein.

Eine Revolutionärin war sie nicht, weder im öffentlich noch im privaten Bereich, doch in starkem Maße verändernd gewirkt hat sie in Hamburg auf dem Gebiet der Mädchen– und Frauenbildung. Unerschütterlich davon überzeugt, dass dem weiblichen Geschlecht – bei Beibehaltung seiner traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter, die sie voll bejahte – Gleichberechtigung mit dem Mann nur durch eine fundierte Bildung erwachsen könne, hat sie unermüdlich trotz vieler Widerstände und teilweise erheblicher Anfeindungen aus dem konservativen Lager versucht, Bildungseinrichtungen für Mädchen und Frauen zu schaffen, die neben der Ausbildung "typisch weiblicher" Fähigkeiten und Fertigkeiten auch allgemeinbildende Ziele verfolgten.

Die von ihr 1850 gegründete 'Hochschule für Frauen' musste infolge heftiger Kritik als zu "freisinnig" nach nur zwei Jahren geschlossen werden,weil die konservativ–orthodoxen Kreise des Hamburger Bürgertums die finanzielle Unterstützung des Projekts einstellten. Es folgte im Rahmen ihrer Tätigkeit im 1849 von Charlotte Paulsen gegründeten 'Frauenverein zur Unterstützung der Armenpflege', dessen Vorsitz sie bald übernahm, die Einrichtung einer Kinderbewahranstalt, aus der heraus sich die 'Schule des Paulsenstifts' mit dem Bau eines eigenen Schulhauses 1866 entwickelte, an der nach den damals modernsten Methoden – denen Fröbels – Mädchen unterrichtet wurden. Der von Emilie Wüstenfeld ins Leben gerufene 'Verein zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit' gründete 1867 eine 'Gewerbeschule für Mädchen', die erste Mädchen–Gewerbeschule Deutschlands, die nicht nur an der Praxis orientierte Kenntnisse vermittelte, sondern auch allgemeinbildende Fächer unterrichtete; sie bezog 1873 ein eigenes Schulhaus in St. Georg.

Emilie Wüstenfeld hat also die Mädchen– und Frauenbildung in Hamburg nicht nur initiiert, sondern sie auch mit emanzipatorischen Inhalten verknüpft und diese auch gegen alle Widerstände durchgesetzt. Das macht sie bedeutsam für die Geschichte des Hamburger Bildungswesens, aber auch über die Stadt hinaus, denn sie trug ihre Ideen und Vorschläge für deren Umsetzung auch auf den ersten Frauenkongressen vor, die damals im Deutschen Reich stattfanden.

So war es nur konsequent, daß nach ihrem Tod 1874 eine nach ihr benannte Stiftung ihre Arbeit fortführte. Sie unterhielt die beiden von ihr gegründeten Schulen und rief schließlich 1897 eine neunklassige Höhere Mädchenschule ins Leben, die ihren Namen trug und auch nach 100 Jahren als Emilie – Wüstenfeld – Gymnasium noch besteht, inzwischen nicht mehr als Mädchenschule, aber doch Emilie Wüstenfelds Vorstellungen verpflichtet: der emanzipatorischen Bildung von Schülerinnen und Schülern aller sozialen Schichten.

W. Wieters, ehemaliger Schulleiter am EWG